| Notizen |
- Zitat aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Aegidius_Tschudi
Tschudi entstammte einer lange schon ansässigen Landammannsfamilie und wuchs in den bewegten Zeiten der Reformation auf. Der Onkel des Abtes Dominikus Tschudi besuchte die in Glarus von Ulrich Zwingli etablierte Lateinschule. In Basel (1516) war Glarean sein Präzeptor.
Tschudi verstand es, seine späteren jeweiligen Ämter mit der Einblicknahme in alte Urkunden und Dokumente vor Ort zu verbinden und Erkenntnisse zur Gelehrtenarbeit zu nutzen. Er setzte sich als Anwalt für die katholische Seite ein.
Grundbesitz, Solddienste für die Franzosen und Pensionen gestatteten ihm einen Lebenswandel ohne materielle Sorgen. Seine letzten sieben Lebensjahre verbrachte der auch als Herodot der Schweiz bezeichnete Tschudi im heimatlichen Glarus: Dort brachte er die Gallia comata und das Chronicon Helveticum zu Papier.
Politisches Wirken
Die Landsgemeinde übertrug Tschudi die Landvogtei in Sargans (1530 bis 1532) und nach einem Intermezzo als von der Abtei St. Gallen bestellter Obervogt in Rorschach die gemeine Herrschaft Baden (1533 bis 1535 und 1549 bis 1551) im Landvogteischloss Baden. Zwischen den beiden Badener Amtszeiten betätigte er sich wissenschaftlich. Er sammelte Münzen und schrieb römische Inschriften ab, wo immer er welche vorfand. Ab 1527 richtete er sich eine Privatbibliothek ein und begab sich, unterstützt von seinem Mitarbeiter Franciscus Cervinus, wiederholt auf Archiv- und Bibliotheksreisen durch die Eidgenossenschaft, zuletzt 1569 nochmals in die Innerschweiz. Auch seine Amtstätigkeiten nutzte er für die systematische Suche nach historischem Quellenmaterial (Urkunden, Chroniken, Nekrologe, Urbare, Inschriften, Münzen). Den wissenschaftlichen Austausch im Briefverkehr pflegte er zeitweise mit Niklaus Briefer und Beatus Rhenanus am Oberrhein, später mit Zacharias Bletz in Luzern und Johannes Stumpf, Heinrich Bullinger und Josias Simler in Zürich. Dabei blendete er den konfessionellen Gegensatz ausdrücklich aus.[1]
In der zweiten Jahrhunderthälfte entwickelte sich der bisher in Glaubensfragen verständige Wissenschaftler zu einem fanatischen Gegenreformator. Als Schiedsmann im Locarner Handel entschied er zu Gunsten der Katholiken. Seine hartnäckigen Bemühungen, altgläubige Innerschweizer zur militärischen Besetzung des mehrheitlich reformierten Glarnerlandes zu motivieren, veranlassten seine Landsleute, den Glaubensstreit um Glarus «Tschudikrieg» (1560–1564) zu nennen. Ab 1558 war Tschudi als Landammann Führer der katholischen Glarner, wurde aber 1560 von dem gemässigteren Katholiken Gabriel Hässi abgelöst.
Die nächste Station Tschudis wurde Rapperswil, von wo aus er den Abschluss des Konzils von Trient verfolgte.
Werke
Als sein Hauptwerk gilt die zwischen 1534 und 1536 entstandene Schweizer Chronik «Chronicon Helveticum», welche die Landesgeschichte von 1001 bis zum Jahre 1470 behandelt. Sie existiert in einer zuerst vorhandenen Urschrift zur Geschichtsperiode von 1200 bis 1470 und der späteren Reinschrift zur Zeit nach dem Jahr 1000. Bei Tschudis Tod war bei dieser Schlussfassung das Jahr 1370 erreicht. Aus dem «Chronicon Helveticum» (zwei Bände, erst 1734–1736 von Johann Rudolf Iselin in Basel herausgegeben) gewann die Sage von Wilhelm Tell weitere Verbreitung, die Tschudi neben anderen Texten aus dem Weissen Buch von Sarnen übernommen hatte. Friedrich von Schiller bediente sich später unter anderem dieser Quellensammlung für sein gleichnamiges Drama. Tschudis Geschichtswerk ist vergleichbar mit der «Bairischen Chronik» des Johannes Aventinus.
Eine ähnliche Bedeutung hat sein Werk «Gallia comata» eine Beschreibung der helvetischen Frühgeschichte bis zum Jahr 1000. Tschudi vollendete es in seinem Todesjahr 1572, herausgegeben wurde es 1758 durch Johann Jacob Gallati.
Die Urallt warhafftig Alpisch Rhetia (1538), das einzige zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Buch, enthält die erste genaue Schweizer Karte und einen deutschen Text. Damit erhielt die Kartografie in seinem Lande Anstösse und Impulse. Theologisch äusserte sich der Historiker in seiner grossen Schrift Vom Fegfür (Vom Fegefeuer).
Chronicon Helveticum, Teil 2: Anno MCCCCXV – a. MCCCCLXX, Basel 1736 (Volltext)
Chronicon Helveticum. Historisch-kritische Ausgabe in 22 Teilbänden. Basel 2001. ISBN 3-85513-126-0
Gallia comata. Faksimiledruck nach dem Original von 1758. Lindau. 1977. Antiqua-Verlag.
Rezeption
Eine Büste des auch Gilg Tschudi genannten Geschichtsschreibers ist in der von König Ludwig I. von Bayern errichteten Walhalla aufgestellt.
- Zitat aus: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/012354/2022-07-26/
Version vom 26 Jul 2022
Autorin/Autor: Christian Sieber
AegidiusTschudi
* 5.2.1505 Glarus, ✝︎ 28.2.1572 vermutlich Glarus, katholisch, von Glarus, ab 1558 auch Landmann von Uri und ab 1566 von Schwyz. Sohn des Ludwig Tschudi des Älteren und der Margaretha Kilchmatter, genannt Aebli. Bruder des Ludwig Tschudi des Jüngeren, Halbbruder des Jost Tschudi, Cousin des Valentin Tschudi. ⚭ 1) 1524 Anna Stucki, Tochter des Hans Stucki, ⚭ 2) 1550 Barbara Schorno, Tochter des Hieronymus Schorno, ⚭ 3) 1568 Maria Wichser, Witwe des Heinrich Püntener. Schwager von Rudolf Stucki und Christoph Schorno. Nach erstem Unterricht in der Lateinschule Huldrych Zwinglis, damals Pfarrer von Glarus, hielt sich Aegidius Tschudi 1516-1517 in der Burse (Internat) von Glarean in Basel auf, mit dem er zeitlebens in Briefkontakt stand. Kriegsdienste 1523 in Oberitalien und 1536 als Hauptmann in Südfrankreich blieben Episoden.
Seine politische Laufbahn begann Tschudi 1530-1532 als Landvogt von Sargans, es folgten 1532-1533 das Amt des fürstäbtisch-sankt-gallischen Obervogts von Rorschach und 1533-1535 sowie 1549-1551 jenes des Landvogts der Grafschaft Baden, wo Tschudi in Vindonissa erstmals mit römischen Altertümern in Berührung kam. Ab 1533 Ratsherr, spielte Tschudi auch in der Glarner Politik eine zunehmend wichtige Rolle und amtierte 1554-1558 als Landesstatthalter und 1558-1560 als Landammann, wobei er auch als Bauherr tätig war (Rathaus und Spital in Glarus). Er vertrat das Land Glarus regelmässig auf eidgenössischen Tagsatzungen, daneben wurde er häufig zu Schiedsgerichten oder anderweitig als juristischer Berater und Vermittler beigezogen. 1549 war Tschudi Glarner Gesandter zur Bündnisbeschwörung mit König Heinrich II. von Frankreich, 1559 eidgenössischer Gesandter zu Kaiser Ferdinand I. an den Reichstag von Augsburg. Im Glarnerhandel (auch Tschudikrieg genannt) exponierte sich Tschudi 1559-1560 als führender Vertreter der Altgläubigen mit der Forderung nach militärischer Intervention und Rekatholisierung durch die Innerschweizer Orte. Nach dem Scheitern seiner Pläne zog er sich aus der Tagespolitik zurück und lebte 1562-1565 im Exil in Rapperswil (SG). Von dort aus wirkte er während des Konzils von Trient als Berater von Abt Joachim Eichhorn von Einsiedeln und verfasste als Laientheologe Schriften über die Heiligenverehrung und das Fegefeuer.
Als Gelehrter ohne Universitätsstudium blieb Tschudi zeitlebens Autodidakt. So unternahm er 1524 eine ausgedehnte Alpenwanderung und 1538 eine Romreise, baute sich ab 1527 eine Privatbibliothek auf und begab sich, unterstützt von seinem Mitarbeiter Franciscus Cervinus, wiederholt auf Archiv- und Bibliotheksreisen durch die Eidgenossenschaft, zuletzt 1569 nochmals in die Innerschweiz. Auch seine Amtstätigkeiten nutzte er für die systematische Suche nach historischem Quellenmaterial, wozu Urkunden, Chroniken, Nekrologe, Urbare (Acta Murensia), Inschriften und Münzen zählten. Den wissenschaftlichen Austausch im Briefverkehr pflegte Tschudi nur phasenweise, so mit Niklaus Briefer und Beatus Rhenanus am Oberrhein, später mit Zacharias Bletz in Luzern und Johannes Stumpf, Heinrich Bullinger und Josias Simler in Zürich. Dabei blendete er den konfessionellen Gegensatz ausdrücklich aus.
Von Tschudis Werken wurde zu Lebzeiten nur die landeskundlich-historische Alpisch Rhetia gedruckt, zu der eine von Tschudi selbstständig entworfene und breit rezipierte Schweizerkarte gehörte, die erstmals das ganze Gebiet der Schweiz im Detail festhielt und sich durch ihren Namensreichtum auszeichnete. Daneben war Tschudi der wichtigste Beiträger zur 1547-1548 publizierten Schweizerchronik von Johannes Stumpf. Seine eigene Schweizerchronik blieb unvollendet (Frühfassung von 1532-1533; sogenannte Urschrift aus den 1550er Jahren zum Zeitabschnitt 1200-1470; sogenannte Reinschrift von 1568-1572 zum Zeitabschnitt 1000-1370); sie wurde erst 1734-1736 unter dem Titel Chronicon Helveticum von Johann Rudolf Iselin publiziert, der zugehörige, topografisch aufgebaute Teil zum Zeitabschnitt vor 1000 erst 1758 unter dem Titel Gallia Comata. Nach diesen Veröffentlichungen wurde Tschudi von Beat Fidel Zurlauben 1760 als «père de l'histoire helvétique» bezeichnet, seine in die Jahre 1307-1308 datierte Darstellung der sogenannten Befreiungstradition in Friedrich Schillers Schauspiel Wilhelm Tell (1804) literarisch verewigt, die Rezeption seines Werks aber auch eingeengt, mit Nachwirkungen bis ins 20. Jahrhundert. Erst die Neuedition im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts konnte aufzeigen, dass sich in Tschudis Schweizerchronik – neben der am Lebensende und aus patriotischer Verpflichtung gegenüber der eidgenössischen Elite verfassten eidgenössischen Gründungsgeschichte – auch früher verfasste Abschnitte wie die Histori des Zürichkriegs (Alter Zürichkrieg) finden, in der Aegidius Tschudi die Entstehung der Eidgenossenschaft als dauerhaftes politisches Gebilde realistisch ins 15. Jahrhundert verlegt. Tschudis Nachlass mit den Werkmanuskripten sowie Kollektaneen verblieb nach seinem Tod in Familienbesitz auf Schloss Gräpplang und wurde 1767-1768 zum Teil an die Stadt Zürich, zum Teil an das Kloster St. Gallen verkauft.
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